Half Hill Cottage

Vorab eine kleine Änderung – meine Beträge schreibe ich jetzt mehr zusammenfassender, da ich gemerkt habe, dass die „Tagebuch“-Variante einfach zu viel Aufwand bedeutet und es mit der Zeit schwieriger wird, sich an alle Details zu erinnern oder zu entscheiden, was wirklich wichtig und wertvoll zu dokumentieren ist.

11.02. – 21.02.2020

Nach gut 1 1/2 Stunden Busfahrt stieg ich dann an der Raststätte nähe Port Hope aus, wo mich Lin bereits erwartete. Da sie sich den Fuß gebrochen hatte, blieb sie im Auto sitzen und begrüßte mich zunächst überschwänglich. Aber da unsere Kommunikation zuvor alles andere als einfach und meiner Meinung nach schon irgendwie ein bisschen vorbelastet war, war ich ein wenig in „Halb-Acht“ Stellung. Ich war gespannt, was mich nun auf dem Hof genau erwarten würde und wie die Aufgaben-Verteilung aussehen würde. Schon auf der Fahrt machte sie einige Standpunkte deutlich und ich wusste, da muss ich mich mit Sicherheit auf einiges einstellen. In ihrem sehr ausführlichen Text auf ihrer Workaway Profil-Seite, machte das alles noch einen Gesamteindruck, auf den ich mich einlassen wollte. Gerade auch weil es im gesamten meiner Natur entsprach, vor allen Dingen was die Liebe zu Tieren und den Umgang miteinander betrifft. Aber es sollte doch anders werden, als erwartet!

Der Stall in der Ferne

Hier ein paar Fakten vorab:

  • Sie ist Vegetarierin, aber ihre Hunde natürlich nicht
  • Sie behandelt ihre Hunde homöopathisch, sodass Kaffee ein absolutes No-Go auf der Farm ist, da alleine der Geruch schon alles zerstören würde
  • Kaugummis die Xylitol enthalten sind nicht erlaubt, da die Hunde beim Verzehr davon sterben
  • Seife, Deo, Waschmittel – alles muss Parfüm-frei sein
  • Kein fließendes Wasser, da sie von einem Wassertank lebt, dessen Stand man täglich kontrollieren muss
  • Somit darf man dann auch nur alle 3 Tage Duschen!
  • Geheizt wird über einen Ofen, der rund um die Uhr beheizt wird; aber um den Ofen kümmert sich nur sie selbst und ein Helfer, den sie dafür auswählt, wegen besonderer Verantwortung, Risiko etc.
  • Sie nimmt nur weibliche Helfer auf (die sind schließlich fleißiger)
  • Plastiktüten werden in Gläser verpackt, wegen der gefährlichen Ausdünstungen
  • Zu Mittag und am Abend werden beim Essen Wortspiele gespielt, um die englische Sprache weiter zu vertiefen und ein positiveres „Ich“ zu bilden
  • Es gibt einen strikten Tagesablauf, der nur bedingt variabel ist;
    07:25 Uhr – Frühstück
    07:45 Uhr – Geschirr Vorwaschen und in die Maschine einräumen
    08:00 Uhr – Morgendliche Kurz-Runde mit den Hunden
    08:25 Uhr – Abmarsch zum Stall; dort wird sich dann um die Pferde und deren Ställe gekümmert
    12:30 Uhr – Mittagessen
    13:30 Uhr – Geschirr Vorwaschen und in die Maschine räumen, Reste des Essens entsprechend verpacken etc.
    14:00 Uhr – Eine Stunde mit den Hunden spazieren und spielen gehen
    Danach je nach Zuordnung (welche sich danach richtet, wie viele Helfer vor Ort sind):
    >> Nochmal in den Stall, sich um die Wasser- und Futter-Eimer kümmern
    >> Die Flecken die die Hunde auf den Sofas, an den Scheiben der Türen hinterlassen haben mit Apfelessig entfernen
    >> Dexters (der älteste Hund in der Bande, der leider auch Krebs hat) Bereich um seinen Fressnapf säubern
    >> Staubsaugen
    >> Die Holzscheite für den Ofen von draußen nach drinnen zum Trocknen bringen und das Lager neben dem Ofen auffüllen
    >> ggf. um die Wäsche kümmern
    >> Falls Brot benötigt würde, musste das vor dem Zubett-Gehen auch noch vorbereitet werden – Gott sei Dank hat sie eine Brotback-Maschine

Normalerweise sind die Vorgaben bei workaway klar: Gegen max. 5 Stunden Arbeit an 5 Tagen in der Woche erhält man Kost & Logis. Zwei Tage hat man also eigentlich frei. Nicht so bei bei ihr, sie erwartet 10 Tage Arbeit und dann hat man vier Tage im Anschluss frei. Das war zunächst erstmal in Ordnung für mich, erstmal ankommen..

Lin hatte bereits eine Helferin vor Ort, das hatte sie mir vorher noch geschrieben. Carrie, kam aus England und hatte ihr für 6 Wochen ihre Hilfe angeboten und sie war schon vor gut 2 Wochen angekommen. Dann hatte aber anscheinend noch kurzfristig ein anderes Mädchen aus den USA zugesagt und sie war einen Tag vor mir erst angekommen. Somit hatte ich dann aber A****-Karte gezogen, denn es war im Haus kein Bett mehr frei. Zwar hätte ich den Trailer gehen können, der im Sommer für die Helfer gedacht ist, aber vermutlich wäre ich bei den aktuellen Temperaturen da doch sehr ins Frieren gekommen. Daher hatte man mir ein provisorisches Bett aus dem übergroßen Hundekissen von Dexter gebaut. Ich war etwas konsterniert, denn ein normales Bett, oder zumindest eine Matratze hatte ich ja schon erwartet. Aber gut, ist eben kein Wunschkonzert hier. Und wieder eine Sache mehr, die mir klar zeigte, dass ich mit ordentlichen Einschränkungen zu tun haben werde. Nachdem ich mich kurz etwas eingerichtet hatte, ging es dann auch gleich schon ans Werk. Carrie übernahm dabei die Führungsrolle und zeigte uns „New“-Arrivals, wie hier die einzelnen Sachen funktionieren, wo was zu finden ist, woran man sich zu halten hat. Sie zeigte uns dann auch gleich, wie man den Wasserstand des Tanks kontrolliert, ganz wichtig dabei der Holz-Mess-Stab darf auf GAR KEINEN Fall irgendwo dran kommen, wegen des Risikos der Verunreinigung des Wassers. Auch wie man die Klappe und die Tank öffnet und alles wieder verschließt, obliegt einer ganz klaren Reihenfolge. Na, dann hoffen wir doch mal, dass ich das nicht vergesse – vielleicht sollte ich mir Fotos von den Schritten machen?

Die Nachmittags-Runde mit den Hunden ist auch klar festgelegt. Aber zuvor gibt es auch hier eine klare Vorgabe, wie man die Hunde anzuleinen hat und dieses Prozedur sollte mich die nächsten Tage noch ordentlich auf die Probe stellen, oder sagen wir mal meine Geduld würde es noch mit einiger Arbeit zu tun bekommen. Es gibt für jeden Hund ein Geschirr, eine Halsband (das aber nicht mit der Leine verbunden ist) und eine Extra-Leine, die man sich nach ganz bestimmter Technik, um die Hüfte bindet. Daran wird dann der Hunde, oder alle, falls man alleine geht, befestigt und los geht der wilde „Ritt“. Dabei ist zu beachten, dass man die Leinen so befestigt, dass man sich selbst nicht stranguliert. Aber ganz wichtig ist, dass die Hund nicht von einem an der Leine gehalten werden, sondern man das Ganze über den eigenen Körper kontrolliert – was natürlich nicht funktioniert. Und ich würde auch mal behaupten, dass ich schon eine Zeit lang mit Hunden und Gassi-Gehen meine Erfahrung gemacht habe und weiss, wie man mit den Hunden umzugehen hat – aber, da gab es auch keine Diskussion, man hat es genau so zu machen. Irgendwie fühlte ich mich da schon längst fehl am Platz. Schließlich bin ich keine 15 mehr, und man muss mir nicht vorschreiben, wie ich etwas zu tun habe. Scheint aber, dass sich hier jemand zum Ziel gesetzt hat, die Helfer einer besonderen Lehre zu unterziehen. Gut, mal abwarten, was da noch so alles passieren wird. Aber ich werde mit Sicherheit nicht still ihren Anweisungen Folge leisten, denn ich bin zwar hier um ihr zu helfen, aber ein Sklave bin ich auf gar keinen Fall.

Das Mädchen aus den USA war gerade mal 18 Jahre und scheinbar zum ersten Mal alleine unterwegs und wollte unbedingt eine besondere Erfahrung machen, bevor es auf der High-School weiter ging. Aber anscheinend war sie bisher nur in Watte gepackt worden und sie war diese Art der Arbeit nicht ansatzweise gewohnt. Zuhause hatte sie noch nie in ihrem Leben bisher den Abwasch oder ähnliches machen müssen und anscheinend war der Tagesablauf auch nicht nach ihrer Idee und da sie nicht wusste, wie sie damit umgehen soll, wusste sie sich nicht anders zu helfen, als die Flucht zu ergreifen. Zumindest war das hinterher die Annahme von Lin und auch Carrie. Aber als Notlüge zu erfinden, dass die eigene Großmutter gestorben ist, um schnellst möglich nach Hause zu kommen? Ich weiss ja nicht – also mir würde ja alles möglich andere einfallen, aber den Tod als Notlüge vorschieben? Aber Lin war sich da ganz sicher und vom Verhalten her wäre das ja eindeutig. Gut, wenn sie das sagt. Also waren wir am nächsten Tag dann nur noch zu Zweit. Ich war froh, somit hatte ich endlich ein Bett – wobei die Auflage nicht wirklich eine Matratze war – aber ich musste zumindest nicht mehr auf dem Boden schlafen. Mein Rücken würde sich aber noch melden!

Die Arbeit im Stall war nicht minder anstrengend, aber Judith, die Tochter von Lin und ihr Mann Bob waren wesentlich angenehmere Zeitgenossen und sie waren sehr dankbar für die Hilfe von uns. Die beiden besitzen 4 schöne und auch besondere Pferde:

Max; ein großer, wilder Kaltblütiger

George; ein ehemaliges Rennpferd und stets nervös

Angel; eine kleine Zicke, aber bei Leckerli ganz brav

Victor; einer älterer Herr, der leider viele Schmerzen durch verschiedenste Probleme hat und von allen anderen immer gepiesackt wird

Auch hier war Carrie diejenige, die uns zuvor gezeigt hat, was wie gemacht werden muss und auch da gab es einige wichtige Abläufe, die nicht vergessen werden sollten. Aber die waren wenigstens in der Reihenfolge einem selbst überlassen. Wichtig war bei Antritt morgens, dass zunächst die Weide vorbereitet wird, also Heu weitläufig verteilen, die Wasserstelle reinigen und der Mist des letzten Tags noch raus bringen. Bei Schnee und Eis konnte das schon mal zur rutschigen und gefährlichen Situation werden, das sollte ich noch am eigenen Leib erfahren. Danach wurden dann die Pferde aus ihren Ställen geholt, kurz gebürstet, dann die Decken drauf und einer nach dem anderen auf die Weide. die weiteren Aufgaben bestanden aus:

  • Futter- und Wasser-Eimer leeren und reinigen
  • Zugeordnete Box reinigen und ggf. noch weiter bei einer anderen helfen
  • Fress-Bereiche und Namensschilder mit Essig reinigen
  • ggf. Heu auffüllen, es mussten in der Kammer immer 4×4 Barren parat liegen
  • Katzenklos reinigen, Futter auffüllen
  • Stall, Sattelkammer und Küche ausfegen
  • Nachmittags dann nochmal zum Stall, um die Wasser-Eimer zu befüllen und die Futter-Eimer parat zu stellen

Judith nahm mich dann unter ihre Fittiche, als es darum ging einen der Ställe zu säubern. Und diese Art der Reinigung habe ich zuvor auch noch nicht erlebt. Um sparsam mit dem Einstreu zu hantieren, hatten sie eigene Gitter gebaut, auf denen man das Einstreu bestmöglich von Heu trennen konnte. Bestimmte Bereiche mussten in jeder der 4 Boxen frei von Einstreu sein und die feuchten Bereiche entsprechend getrocknet werden. Selbst nach ein paar Tagen hatte ich immer noch meine Probleme das irgendwie zeitsparend zu machen. Mit dem Ergebnis war Judith aber jedes Mal sehr zufrieden. Na, immerhin. Die Arbeit ging natürlich auch ordentlich in den Rücken, gerade auch, wenn man die Arbeit nicht gewohnt ist. Aber, ich habe es ja so gewollt. Ich versuchte während den nächsten Tagen zu schauen, welche Reihenfolge für mich am besten funktionieren würde, aber egal wie, es dauerte mir in der Box immer zu lange und das Nervigste daran war, dass man immer wieder weitere Stellen unter dem Einstreu fand, die entweder nass vom Urin waren oder andere Hinterlassenschaften tauchten noch auf. Das konnte einem schon zum Verzweifeln bringen. Eine weitere Probe für meine „Sanftmütigkeit“. War dann alles geschafft, hatte man auch nicht lange Zeit zu verschnaufen, denn man musste ja schnell wieder zurück, da das Mittagessen zeitnah präpariert wurde. Gut, dass man wenigstens nicht noch selbst kochen musste.

Beim Essen hieß es dann Wortspiel Nummer 1 – und es gab keine Ausrede, man musste ran. Wir stellen uns jetzt gerade mal vor, man sitzt geschafft von der Stall-Arbeit, leicht genervt, etwas gereizt am Tisch und jetzt soll einem noch eine Sportart auf Englisch mit „Q“ oder „Y einfallen, weil es nach dem Alphabet geht und man natürlich wieder die besten Buchstaben bekommt. Ja, das ist ein Spaß! Einatmen – ausatmen!
Dann ist man wahrscheinlich nicht mit dem Abspülen des Geschirrs dran und *zack* ist es auch schon Zeit mit den Hunden zu laufen. Nicht vergessen, es gibt nur eine bestimmte Route die man Laufen darf und/oder die Hunde dürfen auf einer eingezäunten Wiese nach Herzenslust rennen und toben – aber ob sie zu einem zurück kommen, war nicht immer klar. Dabei sind sie doch soo gut erzogen und nach besten Vorgaben trainiert – nicht vergessen, alles belohnen, was sich richtig gemacht haben, oder wenn man ihnen Geschirr, Leine und Halsband angelegt hat. Wenn sie dann mal nicht gehört haben, oder einfach mal meinten sie müssten ausrasten, liegt das natürlich nur am Menschen, nicht am Tier! Niemals! Irgendwie kam ich mir nach ein paar Tagen hier als Mensch vor, der funktionieren musste, so wie sie sich das vorstellt – die Hunde stehen dabei übrigens an erster Stelle und sie haben ihre Bereiche auf mehreren Kissen, Couch und auch dem Bett. Eine gesamte Reinigung des Hauses hat höchstwahrscheinlich nach dem Einzug mal statt gefunden, aber Hauptsache es wird möglichst täglich gesaugt (um alles herum, aber die Hundebetten schön absaugen). Dabei werden aber die Ecken und die Bereiche hinter den Möbeln komplett ausgelassen. Und die Wäsche, wäscht man ihrer Wäsche zusammen und jetzt stellen wir uns mal kurz vor >> 3 Hunde die sich überall (bis auf unser Zimmer und unser Bad) aufhalten dürfen, auch auf der Couch, auf der man selbst Platz nimmt und sie werden nicht gebürstet. Wo befinden sich dann vermutlich die Haare ihrer Felle – richtig, ÜBERALL! Also hatte man nach kürzester Zeit auch ÜBERALL die Haare der Hund in der Kleidung. Ich meine, grundsätzlich bin ich ja ein Hundefreund, aber man kann das auch anders regeln. Da reicht ein bisschen Saugen hier und da nicht aus. Ich hatte auch mal die Ehre den Wasserfilter unter der Spüle zu tauschen, da das Wasser natürlich mit allerhand Chemikalien versetzt ist. Dabei bin ich dann auf Hinterlassenschaften von Mäusen gestoßen und in den Ecken lagen entsprechende Gift-Boxen. Ja, so will man arbeiten. Also, egal wo, es war gefühlt alles irgendwie dreckig. Klar, man ist hier auf einem Hof, da darf man sich jetzt über Dreck im Allgemeinen nicht beschweren, aber es gibt Dreck und es gibt DRECK. Und wer mich kennt weiss, ich bin da nicht so zimperlich.

Alles war soweit noch erträglich, da ich eine Leidensgenossin hatte, die sich allerdings mit der Dame sehr gut verstand. Könnte natürlich auch an der Herkunft liegen. Also, musste ich sehen, dass ich mich da irgendwie einordne und nicht gänzlich auf dem Abstellgleis landete. Schließlich hatte Carrie ihre wohlverdienten freien Tage, die man übrigens am besten NICHT auf dem Hof verbringt, ansonsten darf man natürlich bei allem mit anpacken, und ich nutzte die Gunst der Stunde und sprach bei Lin all das an, was in mir Unbehagen auslöste. Dabei versuchte ich zwar so freundlich wie irgendwie möglich zu sein, aber ich blieb auch trotzdem noch ehrlich und sie verstand das alles gar nicht. Bisher hätte sich noch niemand bei ihr beschwert. Ich wäre die Erste, die etwas zu bemängeln hätte und ihr wäre das ja gar nicht bewusst. Ok, ob ich ihr das so glauben kann? Zumindest führte es dazu, dass die Lage etwas entspannter für mich wurde und sie im Ton mir gegenüber freundlicher und zurückhaltender wurde. Wir konnten sogar zusammen lachen. Interessante Wendung. Allerdings hatte mir Carrie auch schon gesagt, dass Lin sich ihr gegenüber auch besser verhalten hatte, als sie alleine waren und sie verwundert war, dass sie sich teils so streng gibt. Das war wiederum auch interessant. Liegt es jetzt also doch irgendwie an mir, überträgt sich da irgendwas von mir auf sie oder ist es einfach der Tatbestand, dass sie sich dann auf mehrere Personen einstellen muss? Die ersten beiden Tage ohne Carrie verliefen also etwas angenehmer und da ich auf der „Matratze“ so gar nicht schlafen konnte, ohne irgendwie Rückenschmerzen zu haben, konnte ich sie sogar dazu bewegen, nach einer „neuen“, richtigen Matratze zu schauen. Da aber natürlich neue Matratzen zu teuer sind, schaute sie sich im Internet gleich mal um. Und wir hatten Glück in Port Hope hatte jemand eine Matratze kostenlos abzugeben. Da hatte nur ein Hund für ein paar Nächte drauf geschlafen, aber hey, es war eine richtige Matratze. Lin fragte mich, ob ich Lust auf Fish & Chips hätte, dann könnte man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – also mal was anderes zu Mittag und im Nachgang wurde die Matratze abgeholt. Da die Matratze nicht ins Auto passte, musste sie also auf das Auto. Mit ein paar Seilen war sie dann gesichert, aber der Fahrtwind war doch so extrem, dass es die Matratze vorne fast umgeschlagen hat. Also mussten wir dann mit 30/40 km/h die Hauptstraße entlang fahren. Das hat nicht alle erfreut, aber ich hatte wenigstens eine Matratze! Wieder am Hof angekommen, durfte ich erstmal noch mit den Hunden laufen und neben den restlichen Aufgaben, hatte ich somit noch eine weitere Aufgabe; die Matratze ordentlich säubern und absaugen, wie irgendwie möglich, zwei Bettlaken drum und ab dafür, sicher ist schließlich sicher. Die Nacht konnte ich dann endlich mal durchschlafen. Was war das für eine gute Veränderung für meinen Rücken. Ich will gar nicht wissen, wie lange die alte „Matratze“ gedient hatte.

Fish and Chips

Es schien also, als wenn sich die Wogen glätten würden. Ich war auch inzwischen schon körperlich so „erledigt“, dass ich nicht groß vorhatte den Diskussionen weiter zu führen. Und irgendwie war sie ja nun mal auch auf meine Hilfe angewiesen. Dennoch schmeckte es mir immer noch nicht, dass man die Arbeit einer Haushaltshilfe machen musste und dafür dann noch behandelt wurde, wie ein Handlanger. Zudem hatte sie wohl bevor auch Carrie gekommen war eine Dame, die sie täglich bezahlt hat, dafür, dass sie mit den Hunden nachmittags raus gegangen ist. Sage und schreibe 25$ – leicht verdientes Geld würde ich sagen. Aber die Zeit mit den Hunden war für mich eigentlich noch etwas Positives, so hatte ich auch die Möglichkeit mal „raus“ zu kommen. Denn großartig etwas in der wenigen freien Zeit zu unternehmen oder vielleicht mal wandern zu gehen, war nicht wirklich in der möglich. Meist war man erst nach dem Abendessen „frei“ und hatte dann auch nur das Zimmer oder eben die Möglichkeit mit ihr TV zu schauen. Wenigsten hatte sie Netflix, sodass man auch selbst mal was aussuchen konnte. Allerdings hatte ich vorher nie wirklich ein Interesse an Netflix und Co gehabt, aber es war eine gute Abwechslung um zumindest abends mal für sich sein zu können. Mir ging es dann aber mit der Zeit auch immer schlechter, psychisch, als auch körperlich. Das war alles nicht wirklich das, was ich mir darunter vorgestellt habe und ich fühlte mich auch irgendwo ausgebeutet. Ich kann nicht verstehen, wie viele andere so positives Feedback haben geben können. Vielleicht ist es im Sommer auch angenehmer, weil man mehr Zeit draußen verbringt und eben im Trailer schlafen kann. Aber so, fühlte man sich eingeengt und irgendwie der Freiheit beraubt. Und da das Wetter viel Schnee und ab und an auch Eis brachte, war nicht mal Reiten möglich. Das war mit einer der Hauptfaktoren, warum ich mir diese Farm ausgesucht hat. Im Sommer reiten sie wohl auch jeden Tag aus, leider aber so gar nicht im Winter – da haben die Pferde dann sozusagen Saison-frei. Na, ganz große Klasse! Und auch das stand mit keinem Wort in ihrem Text auf dem Profil. Es stand lediglich drin, dass Reiten bei nicht entsprechende Wetterbedingungen nicht durchgeführt wird, aber nicht, dass damit gleich mehrere Monate gemeint sind. Aber es steht ja ALLES in ihrem Profil. Mit Sicherheit, nicht! Das war ein Werk, was über Jahre entstanden ist und immer weiter erweitert, aber nicht korrigiert wurde. Es steht zum Beispiel auch noch drin, dass man im Haupthaus duschen gehen kann, da gibt es ja auch fließendes Wasser. Aber auch das will die Tochter nicht mehr, da einige Helfer das wohl ziemlich versaut hinterlassen haben.

Eines der Highlights war dann noch der Besuch in Port Hope. An einem Tag wollte Lin noch in die Stadt fahren, weil ihre Mutter dort in einem Altenheim lebt und sie gerne mit ihr einkaufen fahren wollte. Für mich also die Gelegenheit die Kleinstadt zu sehen und bisschen Auszeit vom „Alltag“ zu haben. Port Hope liegt an der Nordküste des Ontario-Sees an der Mündung des Ganaraska River. Der Fluss verdankt seinen Namen dem Irokesen-Dorf, das sich hier befand. Wenn die Lachse sich auf den Weg zum Laichen machen, müssen sie durch diesen Fluss aufwärts schwimmen und das ist jedes Jahr aufs neue ein Spektakel. Aber es gibt auch weitere Veranstaltungen, die die Aufmerksamkeit von Touristen und Einheimischen auf sich ziehen. Zum Beispiel wird sich alljährlich zu einem sehr illustren Event versammelt, wenn es heisst: „Float your Fanny down the Ganny“ Bei diesem 10 km Rennen geht es auf selbst gebauten Flößen flussabwärts, zur Begrüßung des Frühlings. Dabei tragen die meisten Mitfahrer die lustigsten Kostüme und es geht mehr darum, dass man dabei ist, als wirklich zu gewinnen. https://www.floatyourfanny.ca/

Das wärmere Wetter bringt Gartentouren, Handwerker- und Handwerksausstellungen und eine Vielzahl einzigartiger lokaler Veranstaltungen. Zu den Feierlichkeiten zum Canada Day gehören eine Parade, Musik und Unterhaltung sowie ein Feuerwerk. Weihnachten in Port Hope ist eine geschäftige Zeit des Jahres mit einem „Fest der Bäume“, Lichtern im Memorial Park, einem Candlelight Walk und einer Weihnachtsmann-Parade. Und wer es noch nicht wusste, Port Hope war schon Drehort für einige Filme und Serien. Den meisten bekannt sein sollten hier die Filme: ES und ES – Kapitel zwei. Dazu gibt es dann auch eine sogenannte „Walking Tour“ bei der man die Drehorte direkt finden kann.

Ich hatte auch noch To-Do’s, die ich aus Toronto mitgenommen hatte. Meine Kreditkarte von der CIBC Bank war bisher immer noch nicht auf dem Hof angekommen und mit dem Thema Auto hatte ich auch noch nicht ganz abgeschlossen. Das bedeutete aber nochmal weitere Investition in meine Zeit. Und die Frage, wie bekomme ich evtl. das Auto zu Farm, sodass ich es vielleicht nach Quebec fahren konnte, um es dort anzumelden? Die Mädels standen noch bis Mitte Februar zur Verfügung, bevor es für sie dann wieder nach Deutschland ging. Bis dahin mussten sie natürlich das Auto verkaufen. Ich recherchierte viel, Lin half mir sogar und telefonierte mit einem Mechaniker, den sie kannte und er würde des Auto ordentlich bewerten und es nicht durch den „Out of Province“ Check fallen lassen, wie es zuvor Canadian Tire wohl getan hat. Also, es schien immer mehr möglich zu sein. Und ich könnte mich um alles in Ruhe kümmern, wenn ich das Auto dann vor Ort hatte. Aber genau daran scheiterte es zuletzt. Es war einfach nicht möglich, dass Auto dahin zu bekommen. Die Mädels wollten den Weg nicht auf sich nehmen und ich hätte das Auto legal noch nicht fahren dürfen. Aber es wäre im Endeffekt ein echter Schnapper gewesen, aber der Aufwand drum herum war es einfach nicht wert. Bye Bye, car! Next, please!

Die Momente mit den Tieren während meiner Zeit dort, waren definitiv die besten! Und so entstanden auch einige Schnappschüsse. Diese werden mir sicherlich auch in guter Erinnerung bleiben. Tiere sind einfach die besseren Menschen.

Die Steine auf meinen Schultern wurden also mit jedem Tag immer schwerer. Ich versuchte mir ein wenig Freiraum zu erkämpfen und bin bei schönem Wetter auch mal über deren Gebiet gewandert, habe ein wenig fotografiert und die Sonne versucht in mein Herz zu lassen. Aber all dies half nicht mehr wirklich. Als dann noch der Tag kam, als Hauxley meinte plötzlich aus Spiel Ernst werden zu lassen und sich in die Leine zu verbeißen und ich mehrere Male fast zu Boden gegangen wäre, war das Fass voll. Ich war am Ende – so hatte ich mir den Aufenthalt in keinster Weise vorgestellt. Warum kam ich denn immer vom Regen in die Traufe? Carrie hatte auch noch einen Tag mehr frei bekommen, da sie einen Tag an den Niagara-Fällen mit Migräne im Bett verbracht hatte. Und ich hatte so darauf gesetzt, frei zu bekommen, wenn sie wieder kommt. Aber auch das war dann plötzlich nicht mehr Thema. Habe ich was verpasst?

Ich teilte Lin mit, dass ich gerne meine freien Tage nehmen möchte, wenn Carrie zurück kommt. So konnte ich vielleicht mal in Ruhe durchatmen. Ich mietete mir ein Auto in Cobourg und hatte nicht mal mehr eine Bleibe für die nächste Nacht gebucht. Erstmal raus. Lin meinte dann noch, ob ich vor hätte zu gehen. Alles klar, das habe ich dann auch verstanden. Aber ich meinte erstmal nur, dass ich die Tage nutzen wollte um zu sehen, was ich will und erstmal Abstand brauche. Ich entschied mich dann aber auch all meine Sachen mitzunehmen, denn wenn ich nicht wieder komme, brauche ich die Sachen nicht auch noch abzuholen. Sie setzte mich dann an der Raststätte ab, wo sie mich auch am Anfang abgeholt hatte und Gott sei Dank hatte die Autovermietung einen Hol-/Bring-Service – ansonsten hätte ich nochmal extra dafür zahlen müssen, dass sie mich einen Ort weiter weg bringt. So konnte sich dann aber direkt weiter auf Weg nach Oshawa machen und Carrie vom Bahnhof abholen. Denn mit Via Rail kam man immer noch nicht irgendwo hin. Der Streik ging nun schon über mehrere Wochen.

Auf Facebook hatte ich zuvor mal in die Work & Travel Gruppe gefragt, was man sich denn in der Umgebung alles anschauen konnte. Ich bekam ein paar Tipps unter anderem von einem deutschen Pärchen, die selbst gerade in der Nähe von Cobourg auf einer Farm, aber nur zu Besuch waren. Da ich mir eine Tür offen halten wollte, hatte ich bereits auf workaway nach anderen Farmen in der Umgebung geschaut und auch nochmal bei der Alpaka Farm nachgefragt, aber da war leider kein Platz für mich. Es gab aber noch eine Weihnachtsbaum Farm, die zwar im Kalender eingetragen hatten, dass sie aktuell keine Helfer brauchten, aber ich hoffte darauf, dass sie evtl. doch ein Platz für mich hatten und ich im normalen Alltag aushelfen könnte. Wie der Zufall es so wollte, war das natürlich die Farm, auf der das deutsche Pärchen war, Tobias und seine Freundin Lisa. So erklärte ich da auch nochmal meine Lage und hoffte auf ein positives Feedback.

Das Auto war schließlich in Empfang genommen und ich bekam auch noch ein kostenloses Upgrade auf einen Jeep – sollte sich das Blatt etwa wenden? Noch ziemlich orientierungslos parkte ich den Jeep erstmal bei Tim Horton’s. Erstmal was Ordentliches essen und einen großen Kaffee. Nach der Stärkung war klar, jetzt erstmal zuhause in Deutschland anrufen….


Please follow and like us:

Gerne hier kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.