Auszeit – Chile – Woche 27

Neue Woche, neue Erlebnisse, neue Erkenntnisse und neuen Ideen. Mein Blog hat sich eher zu einer Art Tagebuch entwickelt und es stellt sich mit der Zeit heraus, dass es nicht einfach ist wirklich alle Erlebnisse und Geschehnisse am Tag festzuhalten. Wenn ich mir schon einen Tag mal keine Notizen mache, vergesse ich Einzelheiten und grabe in meinem Gedächtnis nach dem Tagesablauf. Inzwischen hat sich hier auch schon ein Alltag eingestellt. Ich habe hier auch noch nicht sonderlich viele Möglichkeiten etwas anderes zu machen und muss mich quasi auf meine Umgebung konzentrieren. Oder eben einfach mal entspannen. Gar nicht so einfach. Aber das war ja vorher schon nicht so meins. Aber vielleicht hilft ja schon ein entspanntes Abhängen am Fluss.  Bei diesem herrlichen Wetter, welches teilweise auf der Arbeit allerdings zu ordentlichen Schweißausbrüchen führt, lässt es sich am Fluss wunderbar aushalten. Das Wasser ist immer noch sehr kalt, aber bei der Hitze auch erfrischend. Hier hatte ich aber meine Wasserschuhe echt gut gebrauchen können. Aber war ja auch klar, nehme ich sie nicht mit, brauche ich sie natürlich. Wie könnte es auch anders sein… 🙈

 

Nachdem ich mir nun in den letzten Wochen ordentlich Stress damit gemacht habe, meine Blog-Beiträge zu schreiben, die Fotos hochzuladen und auf eine gute Internetverbindung zu hoffen, werde ich jetzt die Häufigkeit und Ausführlichkeit der Beiträge ändern. Was bringt es auch jedes Mal zu schreiben, welche Schicht ich hatte. Interessant ist doch eher, was ich so erlebe und vielleicht auch eher, was mich bewegt und wie es mir mit der ganzen Sache so geht?!

Vielleicht ist es aber bisher auch nur eine “Ablenkung” für mich davon gewesen. Mich mal mit “mir” zu befassen. Ist aber auch nicht einfach. In meiner Freizeit hier versuche ich möglichst viel zu unternehmen, geh zu den Pferden, wandere oder es müssen eben auch die üblichen Sachen im Haushalt erledigt werden. Wobei ich sagen muss, wenn ich schon den halben Tag viele Aufgaben in dem Bereich schon erledigt habe, will ich nicht unbedingt in meiner Freizeit putzen, waschen und aufräumen. Dann macht man es gefühlt rund um die Uhr. Also ich ziehe den Hut vor den Leuten, die ihr Leben lang im Hotel oder Restaurant arbeiten. Ich könnte das auf längere Zeit nicht. Zwar macht es mir Spaß mit Menschen in Kontakt zu sein, aber der “Service”-Typ bin ich dann irgendwie nicht. Mir fällt auf, dass ich meistens schnell sagen und bestimmen kann, was mir keinen Spaß macht. Entscheidungen zu treffen, was ich gerne machen würde, z. B. wohin ich gerne reisen würde, fallen mir immens schwer. Schließlich gibt es auch einfach zu viel zu sehen. Aber alles geht nun mal nicht und schon gar nicht auf ein Mal. Wobei, wer sagt das? Viele reisen einfach um die Welt, wie es ihnen gefällt. Verkaufen alles und ziehen los. Ich frage mich immer, wie können sie das so einfach? Vermutlich ist es alles nicht so einfach und braucht vielleicht auch ein bißchen Planung und natürlich Zeit. Aber diese Entscheidung zu treffen, die “Fesseln” abzuwehren und einfach der Welt offen entgegen treten!! Muss ein befreiendes Gefühl sein. Zumindest für die, die es tun. Mich beängstigt dieser Gedanke eher. Dann dann gebe ich ja irgendwie meine Sicherheiten ab und vieles in der Welt ist mir auch noch unbekannt und da ist es irgendwie beruhigend zu wissen, dahin kannst du immer zurück. Aber vielleicht ist es auch gerade ein “Flügge” werden. Etwas spät, aber besser als nie. Ich bin Essen geboren, dort aufgewachsen, habe dort ein paar gute Freunde gefunden, mir ein kleines Zuhause geschaffen und bisher habe ich mich nur im Ruhrpott wirklich “zu Hause” gefühlt. Aber seit einiger Zeit ist es nicht mehr das Gleiche (oder dasselbe!?) 🙈

Gerade jetzt auf der Reise merke ich; mir fehlen zwar keine “Buddies” und auch das Umfeld, indem ich die letzten Jahre verbracht habe, aber ist es vielleicht nur ein Gefühl der beruhigenden Gewohnheit?

Vielleicht muss ich um die Welt ziehen um mein Glück zu finden, oder um. Zu sehen, dass mein Glück “zu Hause” ist. Steffi sagte die Tage zu mir “Für mich ist zu Hause, da wo mein Rucksack ist”. Zwar braucht die Seele bei ein paar Tage um anzukommen oder “nach” zukommen, aber da wo sie sich gerade befindet, ist eben auch ihr zu Hause. Und ich muss sagen, das trifft es schon ganz gut, zumindest, wenn man für länger irgendwo ist und sich dort auch wohl fühlt. In Andalusien habe ich mich überhaupt nicht zu Hause gefühlt, nicht mal willkommen. Hier ist es anders. Drei Monate sind für den einen eine lange Zeit (also mich z. B.) und für eine eine Zeit, die im Flug vergeht. Ich hatte ja schon von Beginn an bemerkt, dass die Tage mir sehr lang erscheinen. So viel Zeit um eigentlich viel zu machen, aber teilweise komme ich dann auch einfach nicht aus dem Quark und “ärgere” mich, dass ich nichts Sinnvolles getan habe. Aber warum? Es kann ja auch durchaus sinnvoll sein, einfach mal “nichts” zu tun. Aber anscheinend bin ich auch ein  “Opfer” der heutigen “Welt” geworden. Immer höher, immer schneller, immer weiter…

Aber wie komme aus dem Gedankenstrom wieder raus und einfach mal für mich versuchen zu sehen, was wirklich wichtig ist. Mich nicht ständig an anderen zu orientieren. Wahrscheinlich einfach mal machen! Die ersten Schritte habe ich ja bereits gemacht, jetzt muss ich nur sehen, dass meine Seele das auch sieht und auch endlich mal ankommt.

Was habe ich also alles diese Woche so erlebt:

Wir hatten eine Familie auf dem Campingplatz zu Gast und leider hat unser José das irgendwie nicht berücksichtigt und schön die Schleusen für der Wasser geöffnet. Die Weiden und Wiesen müssen schließlich gegossen werden. Allerdings sucht sich das Wasser dann gerne seine Wege und landete geradewegs auf dem Campingplatz. Die Gäste hatten schon die Zelte umgestellt und versucht einen Graben zu bauen, aber es hörte einfach nicht auf zu fließen. Ich schaute mir das Ganze dann also an und suchte nach den Schleusen und von wo das Wasser sich nun seinen Weg suchte. Dabei kam es, wie es kommen musste. Erst legte ich mich schön auf die Nase und nachdem ich zwar einen Kanal aber keine Schleuse gefunden hatte, trat ich auf dem Rückweg noch schön in eine große Pfütze rein. Ich hätte hinterher samt Klamotten duschen können. Besondere Situationen erfordern eben besonderen Einsatz und wie ich eben so bin, ist mir dann auch relativ egal, ob ich mich dabei schmutzig mache. Service eben. Lange Rede, kurzer Sinn, nachdem ich dann mit Katharina gesprochen hatte und sie auch nicht weiter wusste, hat Steffi Rene angerufen und ihn um Hilfe gebeten. Schließlich weiss er am Besten, wo welche Schleuse geschlossen werden muss. Nach der Aufregung sorgte er dann für große Erheiterung, denn er tauchte in einem echt originellen Freizeit-Look mit cooler Sonnenbrille auf, als wäre er gerade auf dem Weg in den Urlaub. Herrlich anzuschauen. Mit Katharina zusammen ging er dann zum Campingplatz und kümmerte sich darum, schnellstmöglich das Wasser umzuleiten. Die Gäste stellte für eine weitere Nacht die Zelte um und waren, Gott sei Dank, sehr entspannt mit der Situation umgegangen. Ja, sowas kann eben auch mal passieren. Nur muss dann halt auch gehandelt werden.

Am nächsten Tag verbrachte ich eine Zeit am Fluss und hatte auch endlich mal meine Hängematte mit dabei. Zwar brauchte es eine Zeit, bis ich einen sicheren Platz gefunden hatte, aber umso schöner, jetzt weiss ich direkt, wo ich sie beim nächsten Mal aufhängen kann.

Während meiner Schicht rettete ich noch einem Frosch das Leben und bewässerte alle Pflanzen, Bäume und Blume rund um die Terrasse. Bei der Hitze hier braucht es öfter Mal Wasser, denn im Nu ist es wieder trocken.

Während der Woche hatten wir nun viele Gäste. Und so langsam merkt man auch mal, wie anstrengend die Schichten sein können. Eigentlich braucht man dann dann schon mindestens 4 Arme, damit man auch alles in der Zeit bewältigen kann. Gut, dass die Gäste dies zu schätzen wissen und es mit einer guten “Propina” auch deutlich zeigen.

Am Mittwoch ging es dann endlich nach Ovalle. Die Zahnschmerzen kosteten mich viele Nerven und ich war gespannt, was der Zahnarzt nun finden würde, sehen konnte ich zumindest nichts. Da Katharina auch wieder einkaufen musste, konnten wir zusammen fahren und auch gleich dafür sorgen, dass meine PDI verlängert wird und ich mich für die letzten Wochen nicht illegal in Chile aufhalte. Zwar hatte ich gehofft, irgendwie über den Pass nach Argentinien zu kommen oder eine andere Möglichkeit zu finden, aber so einfach war es eben nicht. Von den gängigen Grenzstationen bin ich einfach zu weit entfernt. In Ovalle wurde es dann ein echter Spießrouten-Lauf. Beim Zahnarzt hatte ich die número 4 und es würde ausreichen, wenn ich um 10:30h wieder kommen würde. Gut, dann können wir in der Zeit schon mal andere Dinge erledigen, z. B. Fotos von mir machen lassen (die braucht man hier für die Verlängerung), Katharina musste noch zur Bank, ebenfalls auch noch ihre Pendencia abholen. Alles ein wahnsinniges hin und her. Mein Tagesschrittziel wäre wahrscheinlich schnell erreicht gewesen. Um 10:30h dann schnell zum Zahnarzt und da hieß es dann trotzdem noch warten. Endlich war ich nach einer guten Stunde dran. Der Zahnarzt konnte bei mir allerdings nichts finden. Versuchte es auch noch mit einer Röntgen-Aufnahme, aber auch da konnte er nichts feststellen. Vermutung: Eine Füllung drückt unter Umständen auf den Nerv. Und das verursacht dann solche Schmerzen? Krass, wobei ich da eher an Phantomschmerzen glaube. Aber was will mein Körper oder meine Psyche mir denn damit sagen???

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Danach auf zur Extranjeria, denn dort musste ich eben meine Verlängerung beantragen. Kopien von meinem Reisepass hatten wir wohl wissentlich vorher schon gemacht. Leider wollten sie aber auch noch eine Kopie meiner PDI haben. Also nochmal zurück zum Copy-Shop. Dann wieder an der Extranjeria warten, bis es die Möglichkeit gab nochmal am Empfang alle Unterlagen vorzulegen. Und bis uns der Bearbeiter dann zu sich rief vergingen wieder gut 20 Minuten. Dann wollte er noch einige Daten von mir haben, u.a. was ich beruflich mache und was ich in Chile mache. Kleines Verhör irgendwie. Aber das ging zum Glück recht schnell. Aber fertig gestellt würde es erst später und bis 15 Uhr könnten wir es dann heute noch abholen. Der Hunger meldete sich bei uns und nachdem ich dann den Betrag für die Verlängerung bei der Bank bezahlt hatte, gönnten wir uns ein leckeres Menü an dem Hauptplatz. Für 4900 CLP gibt es dort Vorspeise, Hauptgericht, Nachtisch + Getränk. Also man kann hier durchaus gut uns günstig essen. Als Hauptspeise gab es für mich Fisch mit Reis. Also Nachspeise gab es leckere “Leche Asada“ ähnlich wie eine Crema Catalan. Danach schnell wieder zur Extranjeria. Noch gut 20 Minuten, bis sie wieder schließen. Allerdings war mein Bearbeiter gerade in der Mittagspause. Also wieder warten… Oh Mann!! Katharina machte sich währenddessen schon mal auf den Weg um weitere Besorgungen zu machen. Dann endlich hielt ich das teure Schriftstück in den Händen. Straftäterfoto inklusive. Jetzt darf ich also bis zum 02.05. offiziell im Land bleiben. Dabei geht es für mich schon am 02.03. nach Argentinien. Aber anders war es leider nicht möglich gewesen. “Mal eben”, komme ich hier nicht über die Grenze. Die Entfernungen sind hier eben anders und die Straßen nicht überall gut ausgebaut.

Für mich ging es dann nochmal auf die Einkaufsstraße. Ich brauchte dringend noch ein Outfit für das Festival de Rancheras und den Baile in Hurtado. Und da es alles wohl draußen statt findet, wäre etwas langärmliges, dünnes nicht verkehrt. Im “Paris” wurde ich dann auch fündig und da gerade Schlussverkauf war, konnte ich günstig eine Leggings und einen dünnen Pulli ergattern. Noch in einem der anderen Läden nach T-Shirt o. ä. geschaut, aber da gab es auch nichts, was mir wirklich stehen würde bzw. gefiel. Dann klingelte auch schon mein Handy und Kathi, die auch noch beim Zahnarzt gewesen war, meldete sich mit der Info, dass sie nun fertig sei. Also ab zurück zum Auto und dann schnell zum Supermarkt, um die restlichen Lebensmittel einzukaufen. Dann noch ein “Touri”-Fotostopp an der Willkommens-Wand zum Rio Hurtado gemacht. Ein weiteres schönes Andenken an das Tal und meine Zeit hier.

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Bevor es dann am Donnerstag zur Schicht ging, erstmal zu den Pferden. Schon ein paar Tage her, dass ich auf einem Pferd geritten bin. Ich entschied mich für Chacay und wir ritten eine Runde über das weite Gelände der Hacienda. Kurzer Stopp beim Campingplatz und gleich mal die Mädels glücklich gemacht. Chacay konnte sich dann auch über ein paar Möhren freuen. Zurück auf der Weide wollte er erst so gar nicht recht von meiner Seite weichen. Dachte wohl, ich hätte noch was leckeres dabei?!

Am Wochenende stand dieses Mal in Hurtado ein Festival auf dem Programm – “Festival Ranchero”, mit Wettbewerb und Live-Musik und natürlich wieder mit anschließendem Baile. Das wollten wir natürlich nicht verpassen. Vor meiner Spätschicht am Samstag verbrachte ich noch einige Zeit am Fluß. Es lässt sich bei der Hitze dort einfach am Besten aushalten. Viele der Anwohner kommen hier auch mit ihren Kindern her und nutzen den kalten Fluss zur Abkühlung, zelten direkt daneben, gleich mit Familie und Freunden und genießen so den Sommer.

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Dann aber ab zu Spätschicht, wieder zusammen mit Maraike und es gab viel zu tun. Eine Frage war noch bis zum Schluss der Schicht ungeklärt; Wie kommen wir denn nun später zum Festival? Laufen wäre etwas weit. Da blieben nur noch folgende Möglichkeiten:

> Unseren Koch bezirzen, da er wahrscheinlich auch dorthin fahre wollte

> Elke fragen, ob sie auch dorthin fährt

> per Anhalter fahren

> NICHT hinfahren (stand für mich aber außer Frage)

Schlussendlich war dann klar, Elke wollte nicht fahren und ob Kathi und Steffi schon dort waren, wussten wir auch nicht. Unser Koch hatte sich auch nicht ganz klar ausgedrückt, also mussten wir schauen, ob wir noch wen an den Häusern antreffen würden. Bei Kathi und Maraike im Haus war niemand, dann können sie ja nur noch bei mir im Haus unten sein. Maraike hatte inzwischen schon ein wenig die Lust verloren. Aber sie waren dann doch noch alle bei uns im Haus und die Mädels übten fleißig Quecha. Gut, wunderbar, dann also mit unserem Koch, auf der Ladefläche, ab zum Baile. Eine der lustigsten Fahrten bisher. Auf den ersten Kilometern begleitete uns Struppi sogar noch, doch dann gab er wohl auf, zumindest war er außer Sichtweite.  Auf der Ladefläche einer kleinen Camionetta unter dem Sternenhimmel zu fahren, das erlebt man auch nicht alle Tage. ☺ gut, dass hier aktuell Sommer ist.

Die Sänger lagen wohl gerade in den letzten Zügen, denn als wir das Festival betraten gab eher ein Profi sein Gesang zum Besten. Erinnert mich doch sehr stark an Mexiko, da scheint die Musik auch ihren Ursprung zu haben. Der Sänger turtelte fleißig mit den weiblichen Gästen, tanzte mit ihnen, verteilte Küsschen. Die Mädels versuchten sich hinter mir zu verstecken, damit sie nicht das nächste “Opfer” waren. Gut, wie wir von Iso dann erfahren haben, ist der Sänger wohl vom anderem Ufer. Da muss man sich dann also keine Sorgen machen.

Nach dem Auftritt kam es dann zur Siegerehrung. Und wen entdeckten wir zwischen den ganzen Teilnehmern? “Meinen” Huaso. Ich wusste ja, dass er auch gerne singt, aber dass er auch direkt mal an einem Wettbewerb teilnimmt? Er war dann der Sieger der Herzen, bzw. wurde durch Applaus vom Publikum belohnt und erhielt immerhin noch 30.000 CLP, für einen Chilenen hier sicherlich gutes Geld. Und mir war klar, der Abend wird sehr tanzreich werden. Denn natürlich hatte er mich bereits entdeckt und als der Baile dann mit Live-Band startete, dauerte es nicht allzu lange, bis er mich wieder aufforderte. So ging es dann den ganzen Abend weiter. Ich rettete mich ab und an auf eine Zigarette mit Iso und den Mädels von der Tanzfläche oder hatte sogar die Ehre mal mit unserem Koch und Rene zu tanzen. Alle anderen Tänze gehörten aber Juvenal. Später lud er mich dann noch auf ein Bier ein und dann kam er mit einer Frage um die Ecke, mit der ich nicht gerechnet hatte. Er lud mich zu seiner Geburtstagsfeier am nächsten Tag ein. Ja, wie komme ich denn aus der Nummer nun raus? Es würde schon mittags bei ihm losgehen, gut, denn ich musste bis 14:30h arbeiten. Dann würde das ja nicht passen und ich kann “leider” nicht kommen. Das war ihm aber anscheinend egal, auch dass ich ja keine Möglichkeit hätte zu ihm zu kommen, so ohne Auto.. Da es mit der Kommunikation nicht ganz gut funktionierte bat ich Katharina noch um Hilfe. Und schließlich hieß es am Ende, dass er mich um 15 Uhr von der Hacienda abholen würde. Jaaa.. Okay. Aber zu dem Zeitpunkt hatte ich einiges nicht bedacht; ich werde vermutlich auf einige Personen seiner Familie treffen, vor allen Dingen aber auf seine Eltern!! Ein paar seiner Geschwister kenne ich ja schon, aber seine Eltern?

Im Laufe des Vormittags, ich hatte Frühschicht und nur zwei Stunden Schlaf in der Nacht, wurde mir so langsam bewusst, auf was ich mich da eingelassen hatte. Zwar würde es auch mein erstes großes Asado werden, aber eben auch die Vorstellung meiner Wenigkeit bei seiner Familie. Wo wird das nur hinführen? Zuerst hatte ich die Hoffnung, dass er nicht aufkreuzen würde. Durchaus denkbar bei den Chilenen. Zumindest ist Verspätung garantiert. Und wie gedacht, fuhr dann ca gegen 15:25h die Camionetta vor. Allerdings war er nur Beifahrer. Also er selbst hat keinen Führerschein. Netterweise war ein Freund von ihm aber gefahren. Dann ging es also zusammen nach El Chañar und er leistete mir natürlich Gesellschaft auf der Rückbank. Dabei wies ich ihn schon mal in seine Schranken. Da war wohl jemand heiss gelaufen. Nach gut 20 Minuten Fahrt fuhren wir dann auf den Hof seiner Eltern und beim Ausstieg hatte ich gleich das Vergnügen seine Mutter begrüßen zu dürfen. Und was machte der Huaso, er stellte mich dann gleich mal als seine “Polola” vor, also seine neue Freundin. Bitte? Habe ich da was nicht mitbekommen? Ok, jetzt brannte also der Baum. Am liebsten wäre ich schreiend weg gerannt, aber man bewahrt ja Haltung. (Wäre ich mal schon eher weg gerannt)

Aber gut, dann mal, gute Miene zum bösen Spiel. Rosa war natürlich auch da und zusammen mit ein paar Freunden setzten wir uns an eine lange Tafel. Zuvor begrüßte ich noch seinen Vater, der stolze 95 Jahre ist, aber leider auch nicht mehr ganz gesund zu sein scheint. Aber gut 12 Kinder wollen auch groß gezogen werden. Dann wurde so gleich nochmal für mich das Essen aufgetischt und ich war froh, was Ordentliches essen zu können. Das half auch gut, gegen den sich langsam anschleichenden Kater. Mir wurde auch gleich wieder Bier und Wein angeboten, aber da griff ich lieber zur Sprite. Wasser war gar kein Thema. Als Nachtisch gab es leckeren Kuchen mit Manjar – Füllung. Dann holte Juvenal seine Quetschkommode raus und brachte sein Repertoire zum Besten. Hoffentlich nicht nur für mich. Irgendwann konnte ich nicht mehr sitzen und ließ mir von ihm den Hof zeigen. Viele Tiere, einige davon frei laufend, einige aber doch in sehr kleine Käfige verbannt. Unter anderem auch ein Pärchen Tricahue Papageien, die lautstark ihre Meinung zur Käfighaltung darboten. Des weiteren: Katzen, Hunde, Hühner und anderes Federvieh, auch mit Küken, kleine Vögel in kleinem Käfig, zwei Hasen im Holzverlies, Gänse, eine Ziege und einen Esel, der ebenfalls lautstark um Aufmerksamkeit bettelte. Und natürlich hatten auch zwei Pferde hier ihren Platz.

Dann fragte er mich, ob wir nicht zu seinem Haus und dann zum Fluß gehen wollten, er würde sich noch eben kurze Hosen mitnehmen. Ich wusste nicht so ganz was ich davon halten sollte, aber zum Fluss bei dem heißen Wetter, eigentlich eine gute Idee. Sein Haus hatte er vor dem Grundstück seiner Eltern gebaut und was soll ich sagen, natürlich eine Junggesellenbude und bei Chilenen ist das nochmal eine ganz andere Nummer, als bei uns. Ja, wir meckern echt auf hohem Niveau. Stolz zeigte er mir seine Auszeichnungen und seine Sombreros. Insgesamt hat er wohl so an die 8-9 Stück. Für jede Gelegenheit einen anderen. Aber bei seinem wenigen Haar auf dem Kopf scheint er auch sein Leben lang welche zu tragen.

Dann ab zum Fluss. Wenn ich gewusst hätte, wie lang der Weg war und wir uns da durch das Gemüse kämpfen würden, hätte ich so schnell nicht ja gesagt. Auch wusste er nicht so recht, wie man mit Frauen umzugehen hat, und vielleicht mal die Hand reicht, oder schaut, dass die Frau es nicht allzu beschwerlich hat. Aber gut, andere Länder…

Am Fluss angekommen, fing er dann kurzerhand an sich umzuziehen um ein kühles Bad zu nehmen. Ich sollte das doch auch tun, nur hatte ich ja “leider” keine Badeklamotten dabei. Er meinte dann nur, dass ja eh keine anderen Menschen hier wären und ich könnte ja seine Hose und Hemd haben. Ähm… Ja ne, is kla’. Mir reichte es dann die Beine im Wasser abzukühlen. Dann wollte er unbedingt noch Fotos von und mit mir haben, als “Recuerdo” – oh Mann, worauf habe ich mich da nur eingelassen. Mein Smartphone hatte ich natürlich samt meiner Tasche im Haus gelassen, also hätte ich im Notfall nicht mal jemanden benachrichtigen können. Ich versuchte ihm dann zu vermitteln, dass es will keine gute Idee sei mir uns beiden – unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Lebensweisen und ich wäre ja eh bald weg. Das alles schien ihn nicht sonderlich zu interessieren.. Immer wieder fasste er nach meiner Hand, versuchte mir einen Kuss aufzudrücken. Ich wies ihn freundlich ab. Er meinte dann nur “Disfruta la vida” – egal was gestern war oder morgen sein wird, er genießt das jetzt. Eigentlich eine schöne Sache, aber nicht so und nicht heute. Er sollte sich eine Frau suchen, die das Leben hier kennt und ihn unterstützen kann, ich bin dafür auf jeden Fall nicht die Richtige. Wieder zurück am Hof wurde inzwischen die nächste Runde Asado eingeläutet. Rene hatte frisches Fleisch auf dem Grill und sogleich wurde mir wieder etwas angeboten. Ein Schlulückchen Wein dazu? Na gut, ein Schlückchen. Zum Glück waren die Gläser klein. Dann verschwand Juvenal und ich saß mitten zwischen Freunden und Familie. Eine nette Runde, in der ich mich nicht unwohl fühlte. Rene versuchte mir immer wieder seinen Bruder “schmackhaft” zu machen und machte dazu ein paar Witze. *Jajajjjaja*, um es mal chilenisch zu kommentieren.

Dann tauchte Juvenal wieder auf. Er musste noch die Stute Linda Luna neu beschlagen, denn am nächsten Morgen. Ging es früh zu seinem Bruder in die Berge, um die Ziegen weiter zu treiben. Bestimmt auch ein tolles Erlebnis.

Zwischendrin machten sich ein paar Gäste auf den Heimweg und neue kamen dazu. Dann fuhren ein paar der Männer in die Sierra um ein Schaf zu holen. Das sollte noch geschlachtet werden, als Geschenk an einen Freund, der wohl schwer krank ist. Scheint hier auch eine Art Tradition zu sein, wenn ich es richtig verstanden habe.

Inzwischen machten sich die wenigen Stunden Schlaf bemerkbar. Mein Bett rief nach mir. Es wurde langsam dunkel und es landete wieder frisches Fleisch auf dem Grill. Echt jetzt? Ne, das war zu viel Fleisch für mich. Ich lehnte dankend ab. Juvenal bot mir noch an, seine Stute reiten zu dürfen. Da sagte ich natürlich nicht nein. Wenn man da schon mal die Gelegenheit bekommt solch ein hübsches und tolles Pferd zu reiten 🐎. Ein Foto gab es dann noch zur Erinnerung. Dann wollte ich aber gerne wieder zur Hacienda. Denn meinen Schlaf brauchte ich dringend. Rosa fuhr schließlich, doch Juvenal meinte ich würde etwas später mit anderen Freunden mitfahren, die eh nach Serón fahren würden. Ok, aber “en un rato” kann durchaus auch mal was länger sein. Dann ging es also wieder rein an den langen Tisch und er gab nochmal eine Runde Fleisch, schließlich hatten die letzten Gäste sicherlich noch Hunger. Ohje, ich glaube wenn ich nach Hause komme, habe ich erstmal genug vom Fleisch. Aber, nichts desto trotz, das Fleisch ist sehr sehr lecker. Ich bin gespannt, was ich in Argentinien aufgetischt bekomme und ob ich das Glück habe, dort an einem richtigen Asado teilzunehmen zu können.

Die Zeit verging und alle saßen immer noch, aßen und redeten. Hallo? Ich würde gerne nach Hause!! Schließlich fasste sich der Bruder Ramon ein Herz, fragte einen Freund und der brachte mich dann endlich zur Hacienda. Und natürlich gesellte sich Juvenal wieder zu mir. Dieses Mal noch näher, als bei der Hinfahrt. Was hat er denn bitte nicht verstanden? Anscheinend so Einiges nicht. Die Nummern hatten wir noch getauscht, aber ich war auch zu müde um da noch gegen zu steuern. An der Hacienda verabschiedeten wir uns dann mit einer Umarmung und Kuss auf die Wange. Er hätte es sicherlich gern anders gehabt. Wahrscheinlich sehen wir uns dann auch in Pichasca wieder, denn da wird er ebenfalls arbeiten und natürlich am Rodeo teilnehmen. Veamos a ver…

 

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