Auszeit – Argentinien – Woche 32

Voller Motivation ging ich nun also in meine nächste Woche in Argentinien. Es gab viel zu tun. Nur so ganz klar war für mich immer noch nicht, wo ich genau unterstützen soll. Da meine Informationen zuvor andere gewesen waren und die Tatsachen komplett anders aussahen. Wie des Öfteren im Leben – der Schein trügt. Und dann muss man eben sehen, wie man das Beste daraus für sich macht. Als aller erstes wohl die Erwartungen senken oder eben Entscheidungen treffen, um die Situation für sich angenehm zu gestalten. Oft liegt es aber auch an der eigenen Sichtweise. Warum sieht man so viele freudige Gesichter und lachende Menschen in armen Verhältnissen? Sie wollen kein Mitleid erwecken und nicht zeigen, wie es ihnen wirklich geht. Aber sie freuen sich auch über Kleinigkeiten und das ist ein “Schatz”, den man sich versuchen sollte zu erhalten. Es kann so einfach sein, schon allein mit Gestik und Mimik kann man ein Lächeln in andere Gesichter zaubern. Das ist wahrscheinlich auch das Geheimnis der Clowns? Die Augen sind ja auch bekanntlich der Spiegel der Seele. Einfach mal mehr Beachtung den Kleinigkeiten schenken, dann wird vieles in einem anderen Licht erscheinen.

Für mich hieß es dann also mal wieder – Abwarten. Und da ich darin ja so wunderbar gut bin, entschied ich mich dazu mich auch an der Keramik-Kunst zu versuchen. Eine Schale, mit den vielen typischen Symbolen und Farben sollte es werden. Wie ich schon bei meinem Klinikaufenthalt bemerkt habe, brauche ich etwas Zeit, um mich darauf einlassen zu können. Aber ich wollte es wenigstens versuchen und gut Ding will Weile haben. Also der Aufenthalt dort war für mich eine weitere Schule, um mich in Gelassenheit zu üben. Mal sehen, vielleicht bin ich ja am Ende meiner Reise die Gelassenheit in Person?! Ha, der war gut. Also, erstmal die Form herstellen, mit Wasser die trockenen Stellen einweichen und Stück für Stück wird aus einer Masse eine akzeptable Form. Und irgendwann merkt man, die Konzentration nimmt Überhand und die Gedanken verfliegen. Also, doch gar keine so schlechte Idee sich mal auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Dann war es wieder Zeit für das Mittagessen und natürlich folgte darauf auch wieder eine Siesta. Danach wird wieder weiter gearbeitet und für mich stand wieder Abwarten auf dem Programm. Ines war am Abend zuvor nach Buenos Aires zu einem Kongress gefahren und somit war ich auf Fede, den Freund der Tochter angewiesen, um zur Comunidad zu kommen. Irgendwann am Nachmittag tauchte er dann auch. Natürlich später als angekündigt, aber die Uhren ticken in Südamerika eben anders. Eile, hat hier kaum jemand. Ich suchte das Gespräch mit ihm, um zu verstehen, wie der Plan für die Comunidad in den nächsten Jahren aussehen wird. Bisher steckt ja noch alles in den Kinderschuhen. Das Haus auf dem Grundstück muss renoviert werden und sobald es bewohnbar ist, wollen er und die  Tochter von Ines dort einziehen. Ein Teil des Hauses steht dann ebenfalls den Mitgliedern der Comunidad zur Verfügung, wie in ein kleines Vereinsheim, mit Badezimmer, kleiner Küche und Aufenthaltsraum. Dafür ist aber noch sehr viel Arbeit notwendig. Und gerade dafür eignen sich wunderbar die Internet-Plattformen workaway.org oder wwoofing. Darüber werden Verbindungen zwischen Hilfesuchenden und Helfern aus aller Welt hergestellt. Ähnlich wie bei Work & Travel, kann man Reisen mit Arbeit verbinden und erhält eben für seine Mithilfe freie Kost und Logis für einen vereinbarten Zeitraum. Zwar verdient man dabei kein Geld, aber man kommt mit einem Schatz an Erfahrungen nach Hause, hat vielleicht Freundschaften geschlossen, die um Einiges wertvoller sind, als so manch andere vermeintliche Freundschaft daheim. Man kommt an Orte, die man sonst nicht in Erwägung gezogen hätte und und und..

Leider sind diese Plattformen aber noch nicht in aller Welt so bekannt und ich kann auch verstehen, dass viele darauf noch nicht vertrauen. Die Erfahrung mit “Freiwilligen” scheint ebenfalls eher negativ zu sein, denn viele scheuen hier harte Arbeit, wenn sie dafür nicht entsprechend entlohnt werden. Vielleicht nehmen sie sich meinen Tipp zu Herzen und versuchen auf diesem Weg Helfer zu finden, um ihre Comunidad wieder aufzubauen.

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Für mich stand an dem Tag noch auf dem Programm Panchita zu füttern. Diese Kuh hat ebenfalls einen besonderen Status. Als die Tochter noch ein Kind war, hat die Kuh quasi auf die Kleine aufgepasst und ist ihr nicht von der Seite gewichen. Hat sich stets am Haus aufgehalten und sich wie eine Nanny um sie gekümmert. Schon interessant wie feinfühlig Tiere sein können. Da Panchi nun nicht mehr so gut Zähne hat, kann sie das Gras nicht mehr ordentlich zu sich nehmen und erhält zusätzlich Kraftfutter. Also ab auf die Camionetta und Ausschau halten. Auf der Weide vom Tag zuvor war sie nicht, also rufend weitersuchen. Dann tauchte die Herde plötzlich auf und Panchi trottete schließlich auf mich zu. Dann bemerkten auch die anderen, dass ich da etwas Essbares dabei hatte und machten ihr den Eimer streitig. Na, mit den Bullen möchte ich mich lieber nicht anlegen. Schnell ausgekippt und aus der Gefahrenzone entfernen.

Da hier die meisten Weiden frei zugänglich sind und ebenfalls die Zugänge um das Haus herum offen sind, können sich die Tiere meist frei bewegen. Die Pferde nutzen das des Öfteren für kleine Ausflüge und um Chaos anzurichten. Vielleicht findet sich ja was Essbares? So kommt es dann auch schon mal vor, dass sie plötzlich in einem leeren Hühnerstall stehen und Unfug treiben. Aber auch gefährlich für die Tiere, denn überall liegen Müll, Draht und andere Gegenstände herum. Müllentsorgung wird in den Projekten wohl nicht so kritisch gesehen und Fede und Ines Tochter sind bisher die Einzigen, die mit den Aufräumarbeiten begonnen haben. Doch nur ein paar Hände benötigen natürlich mehr Zeit, jede weitere helfende Hand wäre hier Gold wert.

Also erstmal die Pferde wieder auf die Weide getrieben und dann ebenfalls mit Kraftfutter versorgt.

Abends ging es dann noch für ein paar Besorgungen in die Stadt und dann wurde es plötzlich dunkel über der Stadt. Ein Sandsturm hatte sich aufgebaut und von jetzt auf gleich wurde es duster. Für die Region allerdings recht normal. Das Land ist meist ebenerdig und in Tälern/Lagunen fängt sich dann der Wind und braut sich zu einem Sturm zusammen. Wieder am Haus angekommen, wurde das Auto dann zur Sicherheit in die Halle gestellt. Alle Fenster und Türen wurden verriegelt und dann hieß es abwarten. Regen war eventuell auch noch angekündigt. Aber wir waren sicher. Dann wurde wieder gekocht und bei zwei Folgen TWD der Staffel 8 ließen wir den Abend entspannt ausklingen.

Donnerstag, 15.03.2018

Am nächsten Morgen hatte sich der Sturm schon lange verzogen. Viel war nicht passiert und somit konnten wir nach dem Frühstück wieder an die Arbeit gehen. Ich hatte mich entschieden, den Bambus im Garten am Haus zu kürzen. Eine Aufgabe, die Ines mir aufgetragen hatte, wenn ich denn möchte. Nur leider hatte sich dafür noch kein Equipment gefunden. Die entsprechende Gartenschere war nicht auffindbar und wieder hieß es abwarten. Irgendwann tauchte der Bruder von Ines auf und brachte eine kleine Handsäge vorbei. Ok, schon mal besser wie nichts. Aber auch mehr schweißtreibend und aufwändiger. Da weiss man dann am Ende des Tages auch, was man getan hat. Ich machte mich dann also ans Kürzen der Stämme, wobei die meisten bereits vertrocknet waren. Dann war wieder Zeit für Mittag. Die Auswahl war gering, also gab es wieder Kartoffelpüree, dazu Milanesas und Gemüse aus der Dose. Aber das waren wenigstens Lebensmittel, die nicht von den vielen kleinen Tierchen in den Schränken heimgesucht wurden. Mir wurde immer mehr bewusst, allzu lange werde ich hier nicht bleiben. Kein Zustand, mit dem ich mich identifizieren kann.

Am Nachmittag ging es dann wieder zur Comunidad, wieder Panchi und die Pferde versorgen. Dabei entdeckte ich eine jungen Bullen, der eine große Wunde an einer Schulter hatte, teilweise bis auf sie Knochen. Schon am Tag zuvor hatte ich eine andere Kuh mit einer Verletzung gesehen. Werden die Tiere hier denn nicht beobachtet? Klar, es kommt sicherlich mal zu Kämpfen und das ein oder andere Tier wird verletzt, aber solche Wunden? Ich meldete dies Fede und informierten Ines. Sie wiederum gab ihrem Bruder Bescheid, doch erstmal passierte nichts. Für mich war klar, wenn dem Tier nicht schnellstmöglich geholfen wird, wird es nicht mehr lange leben. Aber, bevor der Veterinär zur Begutachtung kommt, muss das Tier sicher separiert sein und bis dato gab es keine Möglichkeit das Tier zu separieren. Dazu musste das vorhandene Gatter erstmal repariert werden. Da die Mühlen hier aber langsam mahlen, entschied der Bruder, den Zaun am nächsten Tag in der Früh reparieren.

Für mich ein Unding. Das Tier stand alleine, konnte sich kaum noch auf den Beinen halten und war für mich schon dem Tode geweiht. Aber alleine konnte ich da nichts anrichten und musste die Dinge eben geschehen lassen. Es machte mich wütend und traurig. Wieder zurück im Haus machte ich mich auf die Suche nach Alternativen und anderen Estancias in der Umgebung. Sogar eine Estancias für Touristen in Corrientes hatte ich angeschrieben, in der Hoffnung dort aushelfen zu können. Und wieder hieß es Abwarten, vielleicht habe ich ja Glück.

Freitag, 16.03.2018

Am nächsten Tag kam Ines wieder zurück. Allerdings war sie dann auch erst gegen Mittag da, da keiner sie zuvor aus Santa Rosa abgeholt hatte. Tja, wenn man sich hier aufeinander nicht verlassen kann, wie will man dann vorwärts kommen? Aber das ist nur meine Ansicht, sie selbst scheinen damit wunderbar zurecht zu kommen. Wobei, nach meiner Beobachtung, keiner ist hier wirklich glücklich und die jüngere Generation verliert sich in der virtuellen Welt – mehr Schein, als Sein. Gute Miene zum bösen Spiel? Einerseits ehrt es die jüngere Generation, da sie die Comunidad und Tradition aufrecht erhalten möchten, doch die Ansätze sollten andere sein. Und die Finanzierung durch den Staat, mittels der Projekte, ist meiner Meinung nach ein falscher Ansatz. Denn wirklich passieren tut nichts und weiteres Geld ist nicht vorhanden. Es scheint ein Projekt auf Lebenszeit zu werden, denn ohne Geld sind sie auf Hilfe von Freiwilligen angewiesen.

Wieder in der Comunidad zeigte ich Ines schließlich das verwundete Tier. Es war noch erschöpfter als am Vortag, immer noch alleine. Sie hatte für die erste Versorgung Medikamente und Spray dabei. Und dann wurde das Ausmaß der Verletzung deutlich sichtbar. Die Wunde ging Tief ins Schultergelenk, voller Maden und anderer Insekten. Sie versuchte die Wunde auszuspülen, aber das Tier blieb natürlich nicht ruhig liegen. Wie sollten wir das Tier nur zum Separee bekommen? Große Weide und nur wir beiden? Die Männer hatten noch nicht mal angefangen den Zaun zu reparieren. In mir wuchs die Verzweiflung und Wut darüber. Wie kann man bei solch einer Situation so “gelassen” bleiben? Das junge Tier leidet und braucht schnell Hilfe. Ich versuchte das Tier in die richtige Richtung zu treiben, aber das stellte sich als schwierig heraus. Es drehte immer wieder ab, Ines folgte mit dem Auto.  Es dreht aber immer wieder ab und ich wollte ungern Gefahr laufen von dem Tier überrannt zu werden. Wir brauchten also weitere Hilfe. Das Tier legte sich wieder zu Boden, es war auch zu erschöpft. Die Wunde wurde nochmals ausgespült und dann fuhren wir erstmal wieder zurück zu ihrem Bruder und dem Freund ihrer Tochter. Ich fragte mich, wann sie denn nun mal damit beginnen würden das Gatter zu reparieren. Ja, die Uhren ticken hier wirklich anders. Dann tauchte einer der Projekt-Helfer auf und Ines berichtete von dem kranken Tier. Zusammen machten wir uns nochmal auf den Weg und endlich wurden auch mit den Reparaturarbeiten begonnen.  Das Tier lag weiterhin am Boden. Mit vereinten Kräften brachten wir das Tier wieder auf die Beine und versuchten es erneut zusammen zu treiben. Doch das Tier hatte keine Kraft mehr. Irgendwann hatten wir es am Strick und nach mehreren Versuchen es zu führen, entschieden Ines und der Helfer das Tier am Auto zu führen. Doch das hatte mehr Angst als alles andere und sträubte sich immens gegen diese Methode. Dann konnte es dem Zug nicht Stand halten und verlor den Halt. Es stürzte unglücklich und nach ein paar Minuten hatte es den Kampf verloren. Für mich was das zu viel. Ich hatte es ja bereits geahnt. Man hätte dem Tier viel viel eher helfen müssen und das auch auf andere Art und Weise. Meine Laune, die eh schon nicht die Beste war, war somit endgültig im Keller. Und für meinen Geist war das auch eindeutig zu viel. Ein Tier stirbt aufgrund von menschlichem Versagen. Klar, das immer wieder Tiere sterben, auch in solch einer offenen Haltung, bleibt natürlich nicht aus. Aber hätte man hier eher gehandelt, hätte das Tier wahrscheinlich überlebt.

Von da an zog ich mich immer weiter zurück. Ich wollte auch eigentlich nur noch weg. Ich kontaktierte die Freundin von Mariel, Luci, und fragt nochmals nach, ob das Angebot, bei ihrer Mutter bleiben zu können, noch stehen würde. Nach kurzer Zeit hatte ich die Nummer und setzte mich mit ihrer Mutter in Verbindung. Für mich stand fest – spätestens Sonntag verlasse ich La Pampa.

Samstag, 17.03.2018

Ines hatte für mich und die Freundin noch eine Wildbeobachtung im nahe gelegenen Nationalpark organisiert. Ich wollte noch etwas von der Natur der Region sehen und Samstag brachte uns Ines dann nach dem Mittagessen und der üblichen Siesta zum Park. Viel war nicht los, so hatte man die Ruhe der Natur für sich. Da es im Sommer hier nur wenig bis gar nicht regnet, war der Salzsee natürlich ausgetrocknet und keine Flamingos in der Nähe. Dafür tauchten aber viele kleine Füchse und Papageien auf und die Brunftschreie der Hirsche waren nicht zu überhören. Ich war gespannt, was wir bei der Tour in der Abenddämmerung zu sehen bekommen würden. Wir schauten uns noch die Flora und Fauna im Park an und bevor wir dann zu Fuß die Tour starteten, gab es noch eine kleine Stärkung mit Kaffee, Saft und kleinen Snacks.

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Die Führung fand natürlich auf Spanisch statt und ich hatte teilweise Mühe den Erklärungen zu folgen. Nicht jedes Detail war verständlich, aber die wichtigsten Informationen konnte ich dann für mich schon heraus filtern. Die Hirsche waren gut zu hören, aber zu sehen waren sie zunächst nicht. Gut versteckt im Dickicht der Wälder. Ferngläser hatten wir zwar ausgehändigt bekommen, aber seit meiner Hornhautverkrümmung komme ich mit den Teilen nicht mehr klar. Mit einem Auge kann ich dann so gerade was erkennen, aber klar und deutlich ist was anderes.

Schließlich erreichten wir eine Anhöhe mit einem kleinen Unterstand. Von dort hatte man eine gute Weitsicht und dann tauchten auch tatsächlich Hirsche und auch eine kleine Guanaco-Familie in der Steppe auf. Die Hirsche gaben lautstark ihr Können zum Besten und verteidigten ihr Revier. Allerdings auch nur gut durch meine Kamera zu erkennen. Und je dunkler es wurde, umso schlechter waren sie auszumachen. Ich hatte mir von der Tour erhofft näher an die Tiere heran zu kommen. So besonders war es jetzt nicht, schließlich gibt es die Tiere auch in unseren Wäldern. Im Dunkeln ging es dann, mit einem kurzen Stopp am Wasserreservoir, wieder zurück zum Ausgangspunkt. Wir wollten Ines eigentlich informieren, sobald die Tour zu Ende geht, aber keiner von uns hatte Signal. Sie wusste zwar ungefähr, bis wann die Tour gehen würde, aber klar war auch noch nicht, wo sie uns abholen würde. Schließlich nahmen uns zwei Teilnehmer der Tour mit zum Eingang des Parks und wie der Zufall es wollte kreuzte eine Herde unseren Fahrweg. So hatten wir dann also doch noch die Möglichkeit die Tiere mal vom Nahen zu sehen. An der Einfahrt fuhr auch just im selben Moment Ines vor. Dann ging es also schleunigst zurück zum Haus.

Sonntag, 18.03.2018

Ich hatte mich schon dafür entschieden meine Reise fortzusetzen, denn wirklich helfen konnte ich in der Comunidad nicht und identifizieren konnte ich mich mit dieser Lebensweise auch nicht. Meine Sachen hatte ich schnell gepackt und nach dem Frühstück musste dann noch die Entscheidung getroffen werden, an welcher Stelle es wohl am besten funktionieren würde, per Anhalter zu reisen. Das war dann auch meine wirkliche Premiere in Bezug auf per Anhalter reisen. Ich hatte schon viel darüber gehört und gelesen und jetzt wollte ich es also endlich auch mal probieren. Die Busse in die Provinz Cordoba starten aus Santa Rosa erst gegen Abend und damit hätte ich also wieder einen Tag verloren. Vor der Einfahrt zum Grundstück von Ines wäre theoretisch genug Platz für ein Auto oder auch LKW, um kurz anzuhalten und mich mitzunehmen. Ines meinte, es wäre aber wohl besser, von einer Tankstelle aus die Reise anzutreten. Ich war aber der Meinung, dass es an der Hauptverkehrsstraße mit Möglichkeit zum Anhalten ebenfalls möglich wäre und falls es nicht klappen würde, hätte ich zumindest noch die Möglichkeit wieder zu Haus zurück zu laufen. Sie kam dann auf die Idee, dass wir es auf der Straße ein paar 100 Meter weiter oben versuchen sollten. Dort gab es eine Kontrollstelle der Polizei und die Autos müssen dort eh abbremsen. Das wäre dann natürlich DIE Gelegenheit um auf sich aufmerksam zu machen.

Also, Sachen ab ins Auto und ab Richtung Kontrollstelle. Ines teilte dem Polizisten gleich mal meine Absichten mit und fragte, ob es für ihn in Ordnung wäre, wenn ich mich dort hinstellen würde. Er hatte kein Problem damit und bei starkem Wind stellte ich mich gut sichtbar ans Ende der Kontrolle. Ein Schild hatte ich mir natürlich auch gebastelt, schließlich sollten die Autofahrer ja sehen, wohin ich wollte. An einem Sonntagvormittag ist allerdings nicht so viel los, wie unter der Woche. Also kamen nur vereinzelt ein paar Autos oder Kleintransporter vorbei. Aber ich war guter Dinge, ich stand nicht alleine irgendwo in der Pampa rum und der Tag hatte ja noch einige Stunden. Der Polizist war ebenfalls nett anzusehen – alles gut!

Und dann fing er plötzlich an, jedes (es waren ja nicht allzu viele) Auto anzuhalten und schien die Fahrer nicht nur zu bitten vom Tempo zu gehen. Er zeigte dabei auf mich. Fragte er jetzt etwa gleich noch nach, ob man mich mitnehmen könnte? Dabei habe ich gehört, dass „Hitch hiking“ in Argentinien per Gesetz verboten sein soll. Aber wahrscheinlich wird das irgendwo in der Pampa dann auch nicht so eng gesehen. Umso besser für mich. Nach also gerade mal 10-15 Minuten Wartezeit hatte er ein Auto für mich gefunden. Ab jetzt schien sich das Blatt also für mich wenden. Wird doch noch alles gut in Argentinien?

Und wie es der Zufall so wollte, stellte sich auch noch heraus, dass ich den Fahrer und seine Frau kannte. Beide waren ebenfalls bei der Tour am Vorabend im Tierpark mit dabei gewesen. Was für ein Glück. Man stelle sich vor, ich wäre 10 Minuten später erst da gewesen, wer weiss, bei wem ich dann im Auto gelandet wäre. Ich bedankte mich beim Polizisten, mein großer Rucksack wurde im Kofferraum verstaut und dann also ab auf die Rückbank. Ja, sowas kann also wirklich passieren. Es kann ja schließlich auch nicht immer nur “mies” laufen. Es kommen auch bessere Zeiten und diese Zeiten brachen also jetzt für mich an. Das Ehepaar wohnt in Villa Maria in der Provinz Cordoba, also für mich optimal. Denn um nach Villa General de Belgrano zu kommen, musste ich zunächst nach Rio Cuarto fahren und dort in den nächsten Bus steigen. Und wie bereits bekannt, sind die Entfernungen in Argentinien etwas weiter, als bei uns in Deutschland. Zusammen verbrachten wir also gut 4 Stunden auf der Straße, machten noch eine kleine Mittagspause und dann ging es direkt weiter, entlang von großen Feldern, einigen Estancias und kleinen Dörfern. Schließlich erreichten wir Rio Cuarto, eine typische argentinische Kleinstadt. Zum Bus-Terminal war es nicht weit. Mein Glück wollte ich nicht noch ein weiteres Mal herausfordern. Zwar hätte ich auch hier versuchen können, per Anhalter weiter zu kommen, aber der Bus war im Verhältnis günstig und fuhr auch nur 30 Minuten nach unserer Ankunft ab. Perfekt! Ein Kaffee konnten wir also noch zusammen trinken. Wir tauschten noch unsere Facebook Kontakte aus, denn natürlich wollten sie wissen, wie meine Reise weiter geht.

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Dann eine innige Verabschiedung und für mich hieß es dann weitere drei Stunden Busfahrt. Die Landschaft veränderte sich wieder und es tauchten am Horizont nun Gebirge auf. Klar, die Anden waren das noch nicht, schön waren sie trotzdem. Mit den Bussen steuert man dann natürlich auch jedes Dorf auf der Route an. Manchmal hätte man da doch lieber ein Auto. Aber so sieht man nochmal andere Ecken, die man mit dem Auto vielleicht angefahren wäre.Vorbei an Wäldern und Seen, die anscheinend ein beliebtes Ausflugsziel für Argentinier und/oder Touristen sind. Die Mutter von Luci hatte ich noch kontaktiert und sie holte mich dann vom Busbahnhof ab. Was war ich froh, ein langer Tag lag hinter mir und ich wusste, die nächsten Tage würden gut werden.

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Ihr kleiner Sohn hatte extra sein Zimmer für mich geräumt und ich durfte mich komplett breit machen, wie ich wollte. Ich war einfach nur froh in einem sauberen Zuhause zu sein, frei von Schimmel, Getier und Chaos. Cecile, so heisst ihre Mutter, war erst vor Kurzem aus Buenos Aires nach Villa General de Belgrano gezogen, da sie die Hektik und Größe der Stadt nicht mehr ertragen konnte. Das wiederum konnte ich sehr gut verstehen. Zum Abendessen gab es eine Auswahl an Empanadas und irgendwann sank ich glücklich in die Kissen.

Montag, 19.03.2018

Da der Sohn früh zur Schule musste und ich ja eher einen leichten Schlaf habe, war an Ausschlafen nicht ganz zu denken. Irgendwann streckte ich die müden Knochen aus dem Bett und in der Küche erwartete mich ein tolles Frühstück, mit Kaffee und Leckereien.

Ich nutzte den Tag, um mir das Dorf anzusehen, ein paar Geocaches zu finden und mal wieder auf einen kleinen Berg zu steigen. Ich war wieder in meinem Element. Villa General de Belgrano ist eine der deutschen Kolonien in Südamerika. Und wie zu vermuten war, es sieht da eher nach Bayern und Umgebung aus. Sie veranstalten sogar ein Oktoberfest. Teilweise traute ich meinen Augen nicht; Düsseldorf, Spreewald miteinander vereint? T-Shirts mit entsprechenden Motiven, Sauerkraut in verschiedenen Varianten und natürlich importiertes Bier, Wurstwaren und und und sind in den Geschäften zu kaufen. Bäckereien und Cafes bieten Strudel und andere leckere Süßspeisen an und in den Restaurants bekommt man “typisch” deutsches Essen. Naja, sagen wir mal, typisch süddeutsches Essen. Aber die Argentinier fahren darauf total ab. Ein beliebtes Reiseziel scheint die Gegend hier zu sein. Viele machen Fotos vor dem Oktoberfest Tor & Fass und ich bin mir sicher, dass viele auch mindestens ein Souvenir mit nach Hause nehmen. Zum Abendessen wurde lecker gekocht und ich war froh, dass ich die Entscheidung getroffen hatte dorthin zu fahren.

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Dienstag, 20.03.2018

La Cumbrecita ist ein kleines Dorf, dass ebenfalls “typisch” Deutsch daher kommt. Ich war also gespannt, was mich zwischen den Bergen erwarten wird. Besonderheit: Rein für Fußgänger, außer man wohnt dort. Einige Wanderwege, ein kleiner Wasserfall und die Möglichkeit im frischen Wasser zu baden machten das Dorf eher für mich interessant. Ein paar Geocaches hatte ich ebenfalls auf der Liste. Die Landschaft auf der Hinfahrt versprach schon mal einiges. Dann erreichte der Bus das Ziel und wie ich es schon vermutet hatte, sah es wieder aus, wie der Süden Deutschlands oder auch irgendwie ein bisschen Schwarzwald.

Dann erstmal orientieren und die Geocaches angehen. Zweites Ziel war dann auch schon der Wasserfall. Der Zugang war schwierig zu finden und die Route zum Wasserfall sollte man auch eher mit gutem Schuhwerk laufen. Auf den letzten Metern muss dann ordentlich geklettert werden. Also für Leute mit eingeschränkter Beweglichkeit eher nicht zu empfehlen. Unten angekommen hat man eine tolle Aussicht auf den Wasserfall und könnte, wenn man wollte, im Wasserbecken schwimmen gehen. Allerdings ist das Wasser dort noch eisig kalt. Da reicht es dann die Füße ins Wasser zu halten. Eine kleine Pause zum Innehalten, schließlich war das mein erster Wasserfall in Argentinien.
Dann ging es weiter, auf der Suche nach einer Bademöglichkeit. Aber natürlich waren die meisten Plätze mit Leute übersät. Gut, dann erstmal der nächste Cache. Und schließlich ein Stück weiter entfernt, über ein paar Felsen geklettert, war ich fast alleine und das Wasser an dieser Stelle auch etwas angenehmer zum Baden. Die Mittagspause also entspannt verbracht. Dann stand noch die Wanderung auf den nächst höchsten Berg an. Die meisten Touristen hatten sich bereits verzogen und so traf ich auf der Tour gerade mal ein Pärchen zu Beginn. Die Markierungen waren auch nicht die Besten, sodass ich an einigen Stellen etwas Suchen musste, bevor der Weg wieder klar war. Vorbei an Pferden, schöner Landschaft und über viele Felsen brauchte ich gut 40 Minuten, um den ausgewiesenen Punkt zu erreichen. Dann offenbarte sich eine tolle Rundumsicht auf das Tal und das Gebirge. Ja, die Natur 🏞 ist schon etwas Wunderbares.

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Nachdem ich mir einen Moment Zeit gegönnt habe, ging es wieder langsam bergab. Dann tauchten Greifvögel am Himmel auf und meine Kamera hatte ich Gott sei Dank griffbereit. Doch gute Fotos sind auch dann Glückssache, denn die Entfernung spielt natürlich auch eine Rolle. Weiter unten am Berg flogen sie dann plötzlich direkt über mir. Da war ich dann wohl zur richtigen Zeit, am richtigen Ort.

Der vorletzte Bus fuhr wieder gegen 19 Uhr zurück nach Villa, also hatte ich noch ein wenig Zeit. Auf dem Plan hatte ich noch weitere Wasserfälle gesehen und das meiste war fußläufig zu erreichen, nur nicht immer direkt und gut zu finden. Schließlich fand ich den Weg, der gleichzeitig auch zu einem Abenteuer-Park mit Zip-Line, Kletterwand und weiteren Aktivitäten. Allerdings war der Park geschlossen, aber das Gelände war frei zugänglich. Um zu den Wasserfällen zu kommen, musste man den Zugang zur Zip-Line ausfindig machen. Dann hat man einen tollen Ausblick auf die “Zwei Schwestern” und eine große Hängebrücke. Die Gelegenheit musste ich natürlich nutzen. Noch nie zuvor war ich über solch eine Hängebrücke gelaufen und dann noch in einer so tollen Landschaft. Schön, dass ich diesen Ort gefunden habe.

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Dann musste ich aber schnell wieder zurück, denn der Bus würde vermutlich nicht auf mich warten. Also, so weit die Füße tragen und einen schnelleren Gang eingelegt. Kurz vor der Brücke raus aus der Stadt standen wieder die “Gauchos” mit ihren Pferden, die bereits schon am Vormittag auf die Touristen warteten. Ich beobachtete einen Jungen, der ziemlich respektlos mit seinem Pferd umging und es unnötig durch die Gegend trieb. Wollte er sich so Respekt verschaffen? Vermutlich hatte er nur Langeweile und wollte seinem Pferd zeigen, wer hier der Boss ist. Innerlich schüttelte ich mit dem Kopf.

Aber ich musste auch weiter zur Bus-Station. Der Bus war bereits da, aber der Fahrer noch nicht wieder am Wagen. Also hieß es noch ein paar Minuten warten. Dabei lernte ich zwei Mädels aus Deutschland kennen. Sie hatten sich auf der Reise kennengelernt, waren bereits schon zusammen gereist, sind dann wieder ihre eigenen Wege gegangen und haben sich hier dann nochmal wieder getroffen und reisen weiter zusammen. Tolle Sache, ich hatte bisher noch keine Reisebegleitung gefunden. Aber sag’ niemals nie…

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